Geschichte

Simca: Glanz und Fall des vergessenen Giganten des französischen Automobils

13 Juni 2026 · 7 Min. Lesezeit
Simca: Glanz und Fall des vergessenen Giganten des französischen Automobils
Photo : Luc106 / Wikimedia Commons

Sie haben zweifellos schon einmal ein Simca-Auto gesehen, ohne es zu wissen: einen kleinen 1000er, der schlafend in einer Scheune vergessen ist, einen 1100er aus einem alten Film, einen Namen auf einem Emailschild. Heute ist kaum noch vorzustellen, dass diese Marke der zweite französische Automobilhersteller war, dass sie Vorreiter-Automobile erfunden und Millionen von Familien träumen ließ… bevor sie verschwand, verschluckt und vergessen wurde. Hier ist die glänzende Geschichte von Simca — und des Mannes, der aus dem Nichts kam und sie aufbaute.

Vom Schrotthändler zum Magnaten

Die Geschichte von Simca ist zunächst die Geschichte eines Mannes: Henri Théodore Pigozzi, geboren als Enrico Teodoro Pigozzi in Turin am 26. Juni 1898. Mit vierzehn Jahren verschwindet sein Vater und der junge Enrico muss seine Familie ernähren. Er macht sich dann in einem wenig ruhmreichen, aber lukrativen Geschäft selbstständig: Schrotthandel. Er kauft alte Autowracks auf und verkauft sie… an Fiat, die sie recyceln. So fällt er schließlich dem Riesen aus Turin auf.

Es entsteht eine Verbindung zum Haus Agnelli. 1926 wird Pigozzi mit gerade mal 28 Jahren Generalvertreter von Fiat in Frankreich. Er gründet ein Importgeschäft, montiert Fiat-Autos in der Nähe von Paris und lernt das Geschäft. Der Schrotthändler ist ein angesehener Industrialist geworden. Es fehlt ihm nur noch eins: seine eigene Marke.

Geburt einer deutsch-italienischen Marke

Am 2. November 1934 kauft Pigozzi das Werk Nanterre des insolventen Herstellers Donnet-Zédel auf und gründet dort die Société Industrielle de Mécanique et Carrosserie Automobile. SIMCA ist geboren. Das Prinzip ist einfach und clever: Fiat-Autos unter Lizenz in Frankreich produzieren und dem lokalen Geschmack anpassen. Die ersten Autos tragen denn auch den Doppelnamen „Simca-Fiat".

Der Simca 5, 1936 gelauncht, ist nichts anderes als ein trikoloren Fiat 500 „Topolino": winzig, wirtschaftlich, charmant. Mutig tritt er sogar im Wettkampf an, auch in Dauerrennen. 1938 kommt der Simca 8, abgeleitet vom Fiat 508 C, komfortabler und schneller. Die junge Marke wächst rasant, getragen von einem Frankreich, das vom günstigen Fahren träumt.

Der Aronde: der erste echte Simca

Nach dem Krieg will Pigozzi auf eigenen Beinen stehen. 1951 sorgt der Aronde — „Schwalbe" im Altfranzösischen — für einen Donnerschlag: das erste Simca-Modell ohne direkte Fiat-Grundlage. Moderne Linienführung, robuste Mechanik, straffer Preis: ein Volkserfolg. Es werden 1.425.329 Exemplare bis 1963 verkauft, ein Markenrekord.

Und Simca ist nicht nur praktisch: der Aronde bekommt wunderbare Varianten, wie das Coupé Plein Ciel und das Cabrio Océane, gestaltet vom Karosseriebauer Facel. Ein Beweis, dass die Marke auch träumen kann. Pigozzi schaut bereits weiter: er exportiert und bringt Simca sogar Ende der 1950er Jahre nach Brasilien. Die Schwalbe hat Flügel.

Poissy, die Vedette und ein echter französischer V8

1954 schlägt Pigozzi einen großen Coup: er kauft die Ford-Werke in Poissy, die zum historischen Herzen von Simca werden — ein heute noch aktives Werk innerhalb der Stellantis-Gruppe. In der Mitgift liegt ein unerwartetes Geschenk: die Vedette, eine große Limousine angetrieben von einem… amerikanischen V8-Motor, Erbe von Ford. Ein Simca mit V8-Motor, das hat Klasse! Simca etabliert sich in wenigen Jahren als einer der führenden französischen Hersteller, oft gleichauf mit Renault.

1000 und 1100: das Goldene Zeitalter

Die 1960er Jahre sind die Jahre aller Höchstleistungen. 1961 kommt der Simca 1000, eine kleine Limousine mit Heckmotor, einfach, robust und günstig. Das Publikum nimmt ihn begeistert auf: er bleibt bis 1978 im Katalog und knackt die Marke von 1.639.557 Exemplaren. Die Enthusiasten erinnern sich vor allem an den feurigen 1000 Rallye, eine aufgeladene Variante, die bei Amateur-Wettbewerben Triumphe feierte und heute sehr begehrt ist. Und für Ästheten das sublime Coupé 1000 von Bertone, später 1200 S genannt, bewies, dass ein Simca ein echter kleiner Italiener im Herzen sein konnte.

Aber das wahre Meisterwerk ist der Simca 1100, vorgestellt 1967. Unter seiner schlichten Karosserie verbirgt sich eine kleine Revolution: Frontantrieb, Transversalmotor, Heckklappe und umlegbare Rückbank. Kurzum: die Formel des modernen Familienautos — diejenige, die die ganze Welt kopieren wird, vom VW Golf bis zum Renault 5. Unendlich kombinierbar, auch als Kombi und Kleinbus, wird der 1100 zum meistverkauften Simca aller Zeiten mit über 2 Millionen Exemplaren. In diesem Augenblick ist Simca schlicht an der Spitze der europäischen Technik.

Auf ihrem Höhepunkt ist die Marke absolut überall. In den 1960ern konkurriert sie mit Renault, exportiert auf alle Kontinente und baut sogar ihre eigenen Autos in Brasilien unter dem Namen Simca do Brasil. Der 1000er bringt Familien in den Urlaub, der 1100er wird zur Handwerkerkiste, der Aronde wiegt eine ganze Generation: damals war es schwer, eine französische Straße ohne einen Simca am Straßenrand zu finden. Die Marke verkörpert dann eine bestimmte Vorstellung von populärer Modernität — clever, erschwinglich und voller Schwung. Niemand stellt sich damals vor, dass alles so schnell zusammenbrechen kann.

Unter Chryslers Kontrolle

Aber eine Wolke zieht über Poissy auf: Chrysler. Der Detroiter Riese steigt 1958 ins Kapital von Simca ein, indem er Fords Anteile aufkauft, und steigt, steigt immer weiter. 1963 übernimmt Chrysler die Kontrolle über das Unternehmen, und Pigozzi verliert schrittweise die Kontrolle über die Marke, die er gegründet hat. Der Gründer, dieser Schrotthändler, der zum Magnaten wurde, verschwindet im Jahr darauf, am 18. November 1964 — als wären der Mann und seine Marke durch ein gemeinsames Schicksal verbunden. 1970 hält Chrysler 100 % von Simca, das zu „Chrysler France" wird. Der mythische Name beginnt, von den Kühlergrills zu verschwinden.

Unter amerikanischer Flagge gibt die Marke aber nicht auf. Sie rückt mit großen Limousinen auf — Chrysler 160, 180 und 2 Litres, 1970 gelauncht — bietet sich Sportwagen mit Matras Hilfe — den überraschenden Bagheera mit drei nebeneinander sitzenden Plätzen, dann den robusten Rancho — und schreibt sogar noch einen letzten Glanztag: die Limousine 1307/1308, gewählt Auto des Jahres 1976. Ein wunderschöner Schwanengesang. Denn hinter den Kulissen ist Chrysler dabei unterzugehen.

Von Chrysler zu Peugeot: die Dämmerung

Mitte der 1970er Jahre steht Chrysler vor dem Bankrott und sein europäisches Abenteuer wird zum finanziellen Abgrund. Am 10. August 1978 gibt es eine Überraschung: Der Amerikaner verkauft ganz Chrysler Europe — Simca in Frankreich, Rootes in England, Barreiros in Spanien — an Peugeot für einen symbolischen Dollar (immerhin noch mit ein paar hundert Millionen und 15 % des PSA-Kapitals). Peugeot etabliert sich damit unter den führenden europäischen Herstellern — erbt aber auch eine sehr heikle Industrie- und Finanzsituation.

Im Juli 1979 trifft die Gruppe eine logische Entscheidung: Sie fasst das ganze ex-Chrysler-Simca-Reich unter einem bereits besessenen, prestigeträchtigen Namen zusammen, Talbot. Die Simcas werden zu Talbots, und die Marke feiert sogar noch einen letzten schönen Erfolg: der Talbot Horizon, stark aus Simcas Teams entwickelt, wird Auto des Jahres 1979. Danach folgen Talbot Solara, Tagora und Samba.

Aber die gleichzeitige Existenz von drei Marken — Peugeot, Citroën und Talbot, teils konkurrierende — erweist sich schnell als unhaltbar. Mangels Mitteln für alles wird die Gruppe konzentriert: die Talbot-Palette, Erbe von Simca, wird nicht mehr wirklich erneuert. Der Name Simca verschwindet um 1980, und Talbot verabschiedet sich für Privatwagen 1986 in Frankreich, dann 1987 in Spanien. Ironie der Geschichte: diese lange ungeliebten Vermögenswerte werden dann zu einem der Fundamente des künftigen PSA-Riesen. Zwei große französische Marken sind damit erloschen — aber die reichhaltige, turbulente Geschichte von Talbot verdient durchaus ihre eigene Erzählung.

Ein lebendiges Erbe

In knapp einem halben Jahrhundert hat Simca mehrere Millionen Autos produziert und einen enormen Abdruck auf das populäre Automobil hinterlassen: echte technische Kühnheit, vollendete Kunst des praktischen Autos, und diese Eroberungsenergien eines außergewöhnlichen Gründers. Lange verachtet, sind seine Modelle heute von Sammlern geliebt — und ein schöner 1000 Rallye oder 1100er erzielen mittlerweile hohe Preise.

Bei Brochure Auto lebt die Marke durch ihre damaligen Kataloge wieder auf, kostenlos abrufbar und downloadbar: vom peppigen Simca Aronde zum cleveren Simca 1000 und dem revolutionären Simca 1100. Ideal, um für die Dauer einer Broschüre in das glanzvolle Frankreich der Trente Glorieuses einzutauchen.

Quellen
  • https://fr.wikipedia.org/wiki/Simca
  • https://fr.wikipedia.org/wiki/Simca_1100
  • https://fr.wikipedia.org/wiki/Henri_Pigozzi
  • https://lautomobileancienne.com/simca-1100-1967-1981/
  • https://newsdanciennes.com/simca-1100-traction-et-revolution-a-poissy/
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