Simca: Glanz und Fall des vergessenen Giganten der französischen Automobilindustrie

Sie sind einer Simca sicherlich schon begegnet, ohne es zu wissen: ein kleiner 1000er verschlafen auf dem Grund einer Scheune, ein 1100er in einem alten Film, ein Name auf einem Emailschild. Heute ist es schwer vorstellbar, dass diese Marke der zweite französische Automobilhersteller war, dass sie Avantgarde-Autos erfunden und Millionen von Familien träumen ließ… bevor sie verschwand, verschluckt und vergessen wurde. Hier ist die glanzvolle Geschichte von Simca — und des Mannes, der aus nichts kam und sie aufbaute.
Ein Schrotthändler wird Magnat
Die Geschichte von Simca ist zunächst die eines Mannes: Henri Théodore Pigozzi, geboren als Enrico Teodoro Pigozzi in Turin am 26. Juni 1898. Mit vierzehn Jahren verschwindet sein Vater und der junge Enrico muss seine Familie versorgen. Er macht sich dann in einem wenig ruhmreichen, aber lukrativen Geschäft selbstständig: Schrotthandel. Er kauft alte Autowracks auf und verkauft sie … an Fiat, die sie recycelt. Auf diese Weise macht er schließlich auf sich aufmerksam.
Mit dem Haus Agnelli passt es auf Anhieb. 1926 wird Pigozzi mit gerade einmal 28 Jahren Generalvertreter von Fiat in Frankreich. Er gründet ein Importgeschäft, montiert Fiats in der Nähe von Paris und lernt das Geschäft. Der Schrotthändler ist zu einem respektierten Industriellen geworden. Es fehlt ihm jetzt nur noch eines: seine eigene Marke.
Geburt einer franko-italienischen Marke
Am 2. November 1934 kauft Pigozzi das insolvente Werk des Herstellers Donnet-Zédel in Nanterre auf und gründet dort die Société Industrielle de Mécanique et Carrosserie Automobile. SIMCA ist geboren. Das Prinzip ist einfach und clever: Fiats in Frankreich unter Lizenz herstellen, angepasst an lokale Vorlieben. Die ersten Autos tragen tatsächlich den Doppelnamen „Simca-Fiat".
Der Simca 5, 1936 präsentiert, ist nichts anderes als ein dreifarbiger Fiat 500 „Topolino": winzig, wirtschaftlich, charmant. Wacker tritt er auch im Rennsport an, auch bei Ausdauerrennen. 1938 kommt der Simca 8, abgeleitet vom Fiat 508 C, komfortabler und schneller. Die junge Marke wächst rasant, getragen von einem Frankreich, das sich danach sehnt, preiswert fahren zu können.
Die Aronde: der erste echte Simca
Nach dem Krieg will Pigozzi auf eigenen Beinen stehen. 1951 kommt es zum Donnerschlag: Die Aronde — „Schwalbe" im alten Französisch — ist der erste Simca, der ohne direkte Fiat-Basis konzipiert wurde. Moderne Linienführung, robuste Mechanik, angemessener Preis: ein populärer Triumph. Sie wird bis 1963 1.425.329 Mal verkauft und bricht damit alle Markenrekorde.
Und Simca macht nicht nur Praktisches: Die Aronde bringt zauberhafte Varianten hervor, wie das Coupé Plein Ciel und das Cabrio Océane, gestaltet vom Karosseriebauer Facel. Der Beweis, dass die Marke auch träumen lassen kann. Pigozzi schaut bereits weiter: Er exportiert, und bringt Simca Ende der 1950er Jahre sogar nach Brasilien. Die Schwalbe bekommt Flügel.
Poissy, die Vedette und ein echter französischer V8
1954 schlägt Pigozzi zu: Er kauft die Ford-Werke in Poissy, die zum historischen Herzen von Simca werden — eine Fabrik, die heute noch im Stellantis-Konzern tätig ist. In der Mitgift ein unerwartetes Geschenk: der Vedette, eine große Limousine mit einem … V8 amerikanischer Herkunft, geerbt von Ford. Ein Simca mit V8-Motor, das hat Stil! In wenigen Jahren etabliert sich Simca als einer der führenden französischen Hersteller, oft Seite an Seite mit Renault.
1000 und 1100: das goldene Zeitalter
Die 1960er Jahre sind die Jahre aller Gipfel. 1961 kommt der Simca 1000, eine kleine Limousine mit Heckmotor, schlicht, robust und preisgünstig. Das Publikum nimmt ihn massiv an: Er bleibt bis 1978 im Programm und überschreitet die Marke von 1.639.557 Exemplaren. Enthusiasten erinnern sich vor allem an die feurige 1000 Rallye, eine überturbte Version, die Amateurkompetitionen dominierte und heute sehr gefragt ist. Und für Ästheten das herrliche Coupé 1000 von Bertone, später 1200 S genannt, das bewies, dass ein Simca ein echter kleiner Italiener im Herzen sein konnte.
Aber das wahre Meisterwerk ist der Simca 1100, präsentiert 1967. Unter seiner dezenten Karosserie verbirgt sich eine kleine Revolution: Frontantrieb, Quermotor, Heckklappe und umlegbare Sitzbank. Mit anderen Worten: das Rezept der modernen Familienkutsche — das die ganze Welt schließlich kopieren wird, vom VW Golf bis zum Renault 5. Unendlich modular, in Break- und Kombiversion, wird der 1100 der meistverkaufte Simca aller Zeiten, mit über 2 Millionen Exemplaren. In diesem Augenblick ist Simca schlicht an der Spitze der europäischen Technik.
Auf seinem Höhepunkt ist die Marke überall präsent. In den 1960er Jahren konkurriert sie mit Renault, exportiert auf alle Kontinente und stellt sogar ihre eigenen Autos in Brasilien unter dem Namen Simca do Brasil her. Der 1000er bringt Familien in den Urlaub, der 1100er wird zum Handwerkerfurgon, der Aronde hat eine ganze Generation begleitet: Damals war es schwer, eine französische Straße zu finden, ohne einen Simca am Straßenrand geparkt. Die Marke verkörpert damals eine gewisse Idee von populärer Modernität — pfiffig, zugänglich und voller Schwung. Niemand stellt sich in diesem Moment vor, dass alles so schnell zusammenbrechen kann.
Unter Chryslers Herrschaft
Aber eine Wolke zieht über Poissy auf: Chrysler. Der Detroiter Riese steigt 1958 ins Kapital von Simca ein, indem er die von Ford gehaltene Beteiligung aufkauft, und steigt dann immer höher ein. 1963 übernimmt Chrysler die Kontrolle über das Unternehmen, und Pigozzi verliert allmählich die Kontrolle über die Marke, die er erschaffen hat. Der Gründer, dieser Schrotthändler, der zum Magnaten wurde, stirbt ein Jahr später, am 18. November 1964 — als wären der Mann und seine Marke durch ein gemeinsames Schicksal verbunden. 1970 hält Chrysler 100 % von Simca, das zu „Chrysler France" wird. Der mythische Name beginnt, auf den Kühlergrills zu verblassen.
Unter amerikanischer Flagge gibt die Marke jedoch nicht auf. Sie rückt mit großen Limousinen auf — Chrysler 160, 180 und 2 Litres, 1970 präsentiert — leistet sich Sportwagen dank der Zusammenarbeit mit Matra — den überraschenden Bagheera mit seinen drei Plätzen nebeneinander, dann den geländetauglichen Rancho — und setzt sogar noch einen letzten Glanzpunkt: die Limousine 1307/1308, gewählt zum Auto des Jahres 1976. Ein herrlicher Schwanengesang. Aber hinter den Kulissen versinkt Chrysler bereits.
Von Chrysler zu Peugeot: die Dämmerung
Mitte der 1970er Jahre balanciert Chrysler am Rande der Insolvenz und sein europäisches Abenteuer entwickelt sich zu einem finanziellen Fass ohne Boden. Am 10. August 1978 kommt es zum Schock: Der Amerikaner verkauft die gesamte Chrysler Europe — Simca in Frankreich, Rootes in England, Barreiros in Spanien — an Peugeot für einen symbolischen Dollar (plus allerdings einige Hundert Millionen und 15 % des PSA-Kapitals). Peugeot positioniert sich damit als einer der führenden europäischen Hersteller — erbt aber auch eine sehr heikle industrielle und finanzielle Situation.
Im Juli 1979 trifft der Konzern eine logische Entscheidung: Er bündelt das gesamte Ex-Chrysler-Simca-Imperium unter einem prestigeträchtigen Namen, den er bereits besitzt, Talbot. Die Simcas werden zu Talbots, und die Marke erzielt sogar noch einen letzten schönen Erfolg: Der Talbot Horizon, großteils aus Simca-Teams hervorgegangen, wird zum Auto des Jahres 1979 gewählt. Es folgen der Talbot Solara, Tagora und Samba.
Aber die Koexistenz von drei Marken — Peugeot, Citroën und Talbot, teils konkurrierend — erweist sich schnell als unhaltbar. Mangels Mitteln zur Finanzierung von allem konzentriert der Konzern seine Kräfte: Das von Simca geerbte Talbot-Programm wird nicht wirklich erneuert. Der Name Simca verblasst um 1980, und Talbot verabschiedet sich 1986 in Frankreich, 1987 in Spanien für Personenkraftwagen. Ironie der Geschichte: Diese lange ungeliebten Vermögenswerte werden dennoch zu einem der industriellen Grundlagen des zukünftigen PSA-Riesen. Zwei große französische Marken verschwanden so — aber die Geschichte von Talbot, reich und bewegt, verdient durchaus ihre eigene Erzählung.
Ein lebendiges Erbe
In knapp einem halben Jahrhundert bringt Simca mehrere Millionen Autos hervor und hinterlässt eine riesige Spur in der Popularmobilität: echte technische Kühnheit, große Meisterschaft in praktischen Autos und jene Eroberungskraft, die von einem außergewöhnlichen Gründer ausgegeben wurde. Lange verachtet, werden seine Modelle heute von Sammlern geliebt — und ein schöner 1000 Rallye oder 1100 ist jetzt sehr begehrt.
Auf Brochure Auto lebt die Marke durch ihre damaligen Kataloge auf, kostenlos einsehbar und herunterladbar: vom flotten Simca Aronde bis zum pfiffigen Simca 1000 und dem revolutionären Simca 1100. Gelegenheit, für die Dauer eines Kataloges in das glanzvolle Frankreich der Goldenen Dreißig einzutauchen.
- https://fr.wikipedia.org/wiki/Simca
- https://fr.wikipedia.org/wiki/Simca_1100
- https://fr.wikipedia.org/wiki/Henri_Pigozzi
- https://lautomobileancienne.com/simca-1100-1967-1981/
- https://newsdanciennes.com/simca-1100-traction-et-revolution-a-poissy/


